Hommage an „Väterchen Franz“

Hommage an „Väterchen Franz“
Revueabend gegen den europäischen Aufmarsch von Rechts

Einen Revueabend zu Ehren des Liedermachers und Schriftstellers Franz Josef Degenhardt (1931-2011) hatten der Hamburger Schauspieler Rolf Becker und Kai Degenhardt, Sohn des Geehrten, für das Linke Forum Paderborn zusammengestellt. Und wie bei einer Hommage an „Väterchen Franz“ nicht anders zu erwarten, waren die virtuos in Szene gesetzten Song- und Wortbeiträge gespickt mit aktualisierenden Bezügen. Der ernste Anlass, der europaweite Aufmarsch der politischen Rechten, wie es im Ankündigungstext hieß, forderte eine solche Stellungnahme denn auch geradezu heraus.

Längst sind Degenhardts Songs von den „Wölfen mitten im Mai“, „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ oder „Tonio Schiawo“, zu Klassikern der Liedermacherkunst avanciert, letzterer handelnd von dem Schicksal eines italienischen „Gastarbeiters“ aus dem armen Mezzo Giorno, der, eigentlich gutmütig und fleißig, infolge rassistischer Anfeindungen schließlich im Affekt einen Arbeitskollegen niederersticht und daraufhin gelyncht wird.

Das Lied „Wölfe mitten im Mai“ hatte Degenhardt geschrieben in Reaktion auf das Wiedererstarken der NPD 1965 und deren Einzug in sieben Landtage schon zwei Jahre später. Kai Degenhardts Interpretation forderte die Zuhörer zur Stellungname in Anbetracht der wieder aktuellen Gefahr von Rechts auf. Denn: Wenn wir den Anfängen nicht wehrten und die Gefahren nicht sehen wollten, die uns durch den Front National in Frankreich, die Fidesz-Partei in Ungarn, die niederländische „Partei der Freiheit“ eines Geert Wilders oder hierzulande durch die rechtspopulistische „AfD“ drohten und verabsäumten, aktiven Widerstand zu leisten, könne es bald schon zu spät sein.

Nahtlos an solche Mahnungen schloss sich eine von Rolf Becker vorgetragene und eher selten gehörte Notiz Bertold Brechts aus dem Jahre 1935 an, in der der Schriftsteller die barbarischen Folgen der Weltwirtschaftskrise seit 1929 analysierte. Darin heißt es: „Die Geschäfte des Kapitalismus sind nun in verschiedenen Ländern (ihre Zahl wächst) ohne Rohheit nicht mehr zu machen. Manche glauben noch, es ginge doch; aber ein Blick in ihre Kontobücher wird sie früher oder später vom Gegenteil überzeugen. Das ist nur eine Zeitfrage.“ Die fortschreitende Verrohung des sognannten „Mittelstands“, bedingt durch deren ökonomischen Niedergang, mündet in der Deutung Brechts schließlich in den Faschismus: „Die große Wahrheit unseres Zeitalters ist es, dass unser Erdteil in Barbarei versinkt.“ Und Brecht schließt den Appell an: „Wir müssen die Wahrheit über die barbarischen Zustände in unserem Land sagen.“

Für den im Brecht-Text geforderten Widerstand im Angesicht der Gefahr von Rechts habe Franz Josef Degenhardt zeitlebens in Wort und Tat gestanden, betonte Becker vor dem Hintergrund vieler, auch sehr persönlicher Begegnungen.

Nach einem lang anhaltenden Applaus gab es als Zugabe schließlich noch den berühmt gewordenen Song von den „Schmuddelkindern“, handelnd von einem Jugen aus „besserem Hause“, der als Kind gerne mit Arbeiterkindern spielte. Den Stallgeruch wird er auch später, zum „standesgemäßen“ Gang in die Oberschule gezwungen, nicht mehr los: „Abends am Familientisch, nach dem Gebet zum Mahl, hieß es dann: Du riechst schon wieder nach Kaninchenstall.“ Seine Lebenslüge holt ihn schließlich unbarmherzig ein.

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